Die transformative Kraft der Musik: Sachal Music

von Rainer Molzahn

 

Im zweiten Teil dieser Reihe möchte ich euch ein Projekt vorstellen, das mich, je mehr ich mich damit beschäftige, immer tiefer und vielschichtiger berührt:

 

 

Das Sachal Studios Orchestra aus Lahore, Pakistan.


Das Jazz-Orchester gibt es seit 2004, es besteht aus circa 60 Mitgliedern und immer wieder neuen Gastmusikern. Es ist mittlerweile weltbekannt und konzertiert international mit Jazz-Größen wie Wynton Marsalis, aber in Pakistan selbst kennt das Ensemble kaum jemand. Die Musiker sind in ihrer Mehrheit in ihren Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern, und dies ist ihre kurz gefasste Geschichte.

Lollywood und der konservative Islam

Sachal Music
Quelle: Song of Lahore

Bis 1978 gab es in Pakistan eine florierende Filmindustrie, damals bekannt als ‚Lollywood‘.

 

Viele Musiker fanden Arbeit, weil die Filme natürlich mit Musik und Soundtracks unterlegt werden mussten.

 

Dann kam General Zia-ul-Haq, und mit ihm das Kriegsrecht, der konservative Islam. Erst machten die Kinos dicht, dann wurden die Filmstudios geschlossen, die Musiker wurden arbeitslos.

 

 

Sie schlugen sich durch, indem sie kleine Gewerbe oder Geschäfte aufmachten, um ihre Familien durchzubringen. Und während der pakistanische Islam mit den Jahren immer nur noch konservativer wurde, wurde das Leben für die Musiker nicht nur noch härter, sondern auch gefährlicher, denn im ultrakonservativen Islam gilt Musik als unislamisch.

 

Einige wurden umgebracht, viele trauten sich auch zu Hause nicht mehr zu üben, um fromme Nachbarn nicht zu provozieren. Mittlerweile ist es fast unmöglich, in Pakistan einen Pianisten oder einen Blechbläser zu bekommen.

Eine Art Wunder

Und dann eine Art Wunder: Der gebürtige Pakistani Izzat Majeed, aufgewachsen im ‚liberalen‘ Pakistan der Fünfziger und Sechziger, Millionär und Philanthrop, wohnhaft in London, Jazz-Fan, trat auf den Plan. Ihm lag die pakistanische Musik am Herzen, und er wollte den Versuch machen, sie westlichen Ohren näher zu bringen, wenn sie schon in ihrem eigenen Land unterdrückt wurde. Majeed investierte ein paar Millionen in ein professionelles, sehr gut schallisoliertes Studio, Abbey Road-Ingenieure halfen bei der technischen Verwirklichung.

 

Er brachte die Musiker zusammen, und es war auch seine Idee, traditionelle pakistanische Instrumente und Spielweisen auf Jazz-Kompositionen anzuwenden – was beide Welten verbindet, ist der Raum für Improvisation, den sie dem einzelnen Musiker erlauben.

Weltweite Resonanz

Das erste Ergebnis war 2011 die Sachal-Version des Klassikers ‚Take Five‘ von Dave Brubeck. Das Video wurde ohne große Erwartungen auf YouTube gepostet, irgendwer bei der BBC wurde darauf aufmerksam, ein Interview, und dann machte es ‚Boom:

 

Zuerst im Internet, dann auch in den Jazz-Charts und live. Brubeck lobte die Aufnahme als die originellste seines Ervergreens. Wynton Marsalis lud das Orchester 2013 nach New York für ein Konzert im Lincoln Center ein.

 

Über die Geschichte dieser erstaunlichen musikalischen und kulturellen Reise drehte Sharmeen Obaid-Chinoy, Oscar- und Emmy-Preisträgerin, den Dokumentarfilm 'Song of Lahore', der Ende 2015 beim Tribeca-Festival Premiere hatte und ab Ende Mai als DVD usw. erhältlich ist.

Der Name ‚Sachal‘ bezieht sich übrigens auf den Sufi-Poeten Sachal Samast (1739 – 1829).

Die Sufis sind Mystiker und wahrscheinlich die Strömung innerhalb des Islams, die seinen erzkonservativen Exponenten am allerwiderwärtigsten ist. 


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